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Norbert Siegl: 

Kulturphänomen Graffiti. Das Wiener Modell der Graffiti-Forschung

Teil 2: Das Wiener Modell der Graffiti-Forschung, Grundlagen der Graffitiforschung, Kollegen und Ansätze, Die Fundorte, Graffitientfernung


 

Das Wiener Modell der Graffiti-Forschung

Die Graffiti-Forschung, wie sie hier in Wien entwickelt wurde, führt Erhebungen und Auswertungen mit einem Maximum an Empirie und Methodik durch und orientiert sich in erster Linie an tatsächlich auffindbaren Basismaterialien, weniger an theoretisierenden Literatur-Konvoluten. Dazu war es nötig, die Dokumentationstechniken, allen voran die fotografische Erfassung, zu professionalisieren. Die inhaltsanalytische Klassifikation ist inzwischen bei einem 23 Variablen umfassenden "multivariablen Klassifikationssystem" angelangt (siehe Grafik):

Das heißt, dass jedes Graffito auf möglichst vielen Ebenen oder Variablen klassifiziert wird, um so der Vielschichtigkeit und Komplexität dieser Kommunikationsform gerecht zu werden und ein Maximum an Information zugänglich zu machen. Die Archivierung traditionellen Bildmaterials, die rein materiell bedingt immer nur monovariabel erfolgen kann, nimmt in erster Linie auf die thematische Aussage (Variable 15) Rücksicht. Eine wirklich praktikable Erfüllung des multivariablen Systems ist nur über Computertechnologie möglich, indem jedes Item eingescannt, multivariabel codiert und dadurch vielfach abrufbar wird. Arbeiten dazu finden im Rahmen der Instituts- und Archivarbeit statt.

Neben der europaweiten Dokumentation von Graffiti entstanden drei große Arbeiten mit festumrissenen Fragestellungen. Die genauen Ergebnisse sind jeweils in eigenständigen Publikationen festgehalten, ich beschränke mich daher hier auf eine kurze Beschreibung und einen weiterführenden Link:

 

1. Klograffiti mit Blick auf geschlechtstypisches Kommunikationsverhalten und Inhalte. Dabei stand zuerst die fundortspezifische Erhebung im Vordergrund, bei der ein Maximum an Homogenität angestrebt wurde, um die klassischen Methoden der Inferenzstatistik anwenden zu können. Insgesamt wurden in die Untersuchung 2.183 Items einbezogen. 
Diese Arbeit wurde von Mag. Monika Bauer im Jahre 1999 mit einer Sequenz für eine Längsschnittstudie erweitert ("Toilettengraffiti im Lauf der Zeit", auf Basis von rd. 3.500 neu erhobenen Items). Somit ergab sich, erstmalig in der Graffiti-Forschung, die Möglichkeit, die Entwicklung der Items über einen längeren Zeitraum zu verfolgen.

Internet: http://www.graffitieuropa.org/klograffiti.htm

 

2. die Studie "Kulturphänomen Graffiti. Ein internationaler Vergleich" im Auftrag des österreichischen Wissenschaftsministeriums. Dabei wurden, bei einem Maximum an Heterogenität, die Graffiti dreier Erhebungszonen (Wien, Berlin-Ost und Berlin-West), in einer qualitativen Analyse nach thematischen Unterschieden untersucht. Insgesamt wurden 9.000 Items einbezogen. Eine vereinfachte Fassung der Studie wurde 2001 als Graffiti-Enzyklopädie veröffentlicht und ist im Buchhandel erhältlich: http://www.buchhandel.de/ 

Literaturhinweis:
Norbert Siegl, 2001: Graffiti-Enzyklopädie. Von Kyselak bis HipHop-Jam. ISBN 978-3-85437-199-1, Österreichischer Kunst- und Kulturverlag, Wien

Internet: http://www.graffitieuropa.org/enzyklopaedie.htm

 

3. die themenspezifische Untersuchung "Rechtsextreme Parolen und Zeichen. Graffiti als Medium interkultureller Kommunikation". Dabei wurde anhand von Graffiti einer Erhebungszone (Wien) eine genaue Differenzierung fremdenfeindlicher, neofaschistischer, antisemitischer, rassistischer, ... Inhalte vorgenommen - siehe Grafik links.

Literaturhinweis:
Dieter Schrage und Norbert Siegl, 2008: Rechtsextreme Parolen und Zeichen. Graffiti und Sticker als Medium interkultureller Kommunikation. ISBN 978-3-901927-00-3, graffiti edition, Wien (Graffiti-News Nr. 14)

 

 



Internet: http://www.graffitieuropa.org/rechtsextremismus.htm

 

Grundlagen der Graffitiforschung, Feldforschung

Grundsätzlich ist die Feldforschung Grundlage einer empirischen, induktiven Graffitiforschung und es wäre wünschenswert, wenn alle Veröffentlichungen über Graffiti auf dieser Basis beruhen würden. Dadurch würden der Fachwelt viele überflüssige, theoretisierende "Betrachtungen" zu Graffiti erspart und die wenigen überbleibenden, würden an Validität der Aussage gewinnen. 
Begibt man sich in in den öffentlich zugänglichen Raum, setzt man sich zugleich negativen und positiven Erlebnissen und Begegnungen aus. Ersteres manchmal mit älteren Menschen, denen der Zugang zu dieser Kulturform fehlt, zweiteres besonders mit Kindern und Jugendlichen, denen es oft großen Spaß macht, sich an der Suche nach Graffiti zu beteiligen und die zumeist über gute Kenntnisse "verborgener Plätze" verfügen. Die Feldforschung erfordert eine gewisse Fitness und Beweglichkeit und die Bereitschaft, sich unter die Leute zu begeben und die Stadt auch jenseits der Vorzeigeviertel kennen zu lernen. 
Die schönsten Graffiti begegneten mir weit weg von den Touristenpfaden, in Hinterhöfen, Parks und Stiegenhäusern. Bei diesen Erhebungen ist ein gewisses Feingefühl angebracht, da bei manchen Leuten auch Verunsicherungen entstehen können, wenn man Graffiti in ihrem Territorium fotografiert. 

Nach den Dokumentationen, muss später mit gleicher Sorgfalt die Archivierung, Aufarbeitung und Analyse durchgeführt werden, für die heute klare Regeln vorgegeben sind.

 

Kollegen und Ansätze, die wichtigsten Namen

Graffiti-Forschung war in der Anfangszeit meiner Arbeit (1970er-Jahre) eine sehr einsam betriebene Wissenschaft, für die nicht allzu viel Verständnis in der Öffentlichkeit zu finden war. Der erste Kollege im eigentlichen Sinne, den ich etwa 1980 kennen lernte, war der Sexualwissenschaftler Ernest Borneman, der mich sehr ermutigte und durch den sich im Laufe der Zeit einige weitere Bekanntschaften entwickelten. So unterschiedlich wie die Personen, sind auch die Forschungs-Ansätze, die verfolgt werden:

Bornemans Graffiti-Forschung war stark von seiner eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit geprägt, er nutzte Graffiti zur Verifizierung seiner Theorien über das kindliche Sexualleben, und es gibt dazu einige bemerkenswerte Publikationen von ihm.

Axel Thiel - Graffiti-Archiv Kassel:

Axel Thiel begann etwa um die selbe Zeit wie ich (1970er-Jahre) mit seinen Forschungen. Es gab jahrzehntelang lebhaften Austausch im Zuge der gemeinsamen Arbeit in der "international working-group on graffiti-research". Thiel betrieb seine Arbeit mit erstaunlicher Konsequenz, gründete einen Graffiti-Fachverlag und baute in Kassel ein Literatur-Archiv auf, das v.a. von Studenten genützt wurde. 

Methodische Differenzen führten dazu, dass sich Thiel Mitte der 1990er-Jahre von der empirischen Graffiti-Forschung abspaltete. Er verlagerte seine Aktivitäten immer mehr ins Internet und in den englischsprachigen Raum. Leider war es ihm nicht vergönnt, mit seiner Arbeit die angestrebte akademische Anerkennung zu erlangen - Thiel verstarb 2006 viel zu früh im Alter von nur 61 Jahren. Was aus dem brauchbaren Literatur-Bestand in Kassel wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Im Internet sind noch Teile seiner Arbeit zu finden. Eine objektive Beurteilung Thiels ist am ehesten beim Studium der rd. dreißigbändigen "EINFÜHRUNG IN DIE GRAFITTI-FORSCHUNG", erschienen im AXEL THIEL VERLAG, möglich.

Das Berliner Graffiti-Archiv:

Eine Kollegin, über die ich erstmals in einem Artikel im SPIEGEL erfuhr, und mit der ich 1994 und 1995 viele Forschungsreisen durch Berlin unternahm, ist Frau Mensah-Schramm. Sie geht ursprünglich von einem negativen Graffiti-Begriff aus, indem sie sich primär auf neofaschistische und fremdenfeindliche "Schmierereien" konzentriert, diese dokumentiert und anschließend vernichtet. Ihre Arbeit steht dabei v.a. im Zeichen eines von großem Mut und Engagement geprägten Politaktivismus, indem sie über diese Kommunikationselemente versucht, die Bevölkerung auf drohende (neofaschistische) Gefahren aufmerksam zu machen (bei über 200 Ausstellungen). Ihre mutige Initiative wurde 2005 mit dem Erich Kästner Preis gewürdigt. Inzwischen erweiterte sie ihren Graffiti-Begriff ganz entscheidend und das ifg verdankt dem Berliner Graffiti-Archiv sehr schöne Bildbeiträge und eine seit 1994 durchgehende Pressedokumentation, die bereits Basis einer wissenschaftlichen Arbeit in der Universität Wien war.

Das Frankfurter Graffiti-Archiv:

Um etwa 2000 herum rührte sich ein junger Mann aus Frankfurt namens Saul Len bei uns und begann damit, laufend Dokumentationsmaterial zu senden. Langsam kam so eines der wichtigsten Graffiti-Zentren Deutschlands zum Vorschein und Saul Len ist heute, neben Frau Mensah-Schramm, mein engster Mitarbeiter an der Graffiti-Enzyklopädie online - http://www.graffitieuropa.org/frankfurt.htm .

Archivierungstechnik des belgischen Forschers Jose Lodewick:
http://graffitieuropa.org/pochoirs.htm

Es beschäftigen sich international inzwischen so viele kompetente Leute mit Graffiti, dass alleine eine Zusammenstellung der wichtigsten Ansätze ein Buch füllen würde. 

Neben der Datenerhebung gibt es das Problem der Zugänglichkeit, der Daten, der Archivierung zu lösen. Eine einheitliche Lösung dafür hat sich - so wie bei anderen Datensammlungen auch - bisher nicht durchgesetzt. Je nach technischen Möglichkeiten, Kenntnissen der Computertechnologie und Art des Datenmaterials lösen Dokumentaristen dieses Problem unterschiedlich. In den Bildern links bietet Herr Lodewick aus Brüssel einen kleinen Einblick in seine (digitalisierte) Sammlung. 

Wir werden demnächst auf einer Subsite genauere Daten zur Verfügung stellen. Wichtige Artikel zu Graffiti finden sie auf http://graffitieuropa.org, hier einige Namen, die Erwähnung verdienen:

Stefan Lievens (Gent), Roger Avau (Brüssel), Reinhold Aman (USA), Fritz Pichler (Südtiroler Graffiti-Archiv), Jose Lodewick (Belgien), Franz Mandl (Österreich, Felsgraffiti-Archiv), Susan Farrell (USA), Dieter Schrage (ifg-Mitglied, Wien), Werner Hollender (Österreich), Luc Bucherie (Frankreich), Carolin Steinat (Deutschland), Monika Vykoukal (Österreich), Detlev Kraack (Berlin), Karl Herbert Mayer (Graz, Graffiti der Maya-Kultur), Jürgen Beyer (Fotosammlung: Graffiti in Kassel), Norbert Schnitzler (Graffiti-Archiv mit Bildern aus diversen deutschen Städten), Nicholas Ganz (Internationales Writing Archiv), Dessislava Terzieva (bulgarisches Graffiti-Archiv), Johannes Tichy (Graffiti-Dokumentation international), ...

 

Die Fundorte, mobil und stationär

Die Frage, wo man Graffiti findet, könnte man am besten mit "überall" beantworten. Hier eine kleine Fundorttypologie: 

Grundsätzlich kann man dabei in stationäre und mobile Flächen unterteilen, die im inside- oder outside-Bereich liegen. Einige davon möchte ich kurz erwähnen: 

Entsprechend der Methodik bei größer angelegten Erhebungen orientiere ich mich zuerst v.a. am öffentlichen Verkehrsnetz, wo es viele unterschiedliche Flächen gibt. So sind die großen Pieces der Sprayer meist entlang der Hauptverkehrslinien, manchmal auch an den Fahrzeugen selbst, zu finden, dafür steht der Writer-Begriff TRAINBOMBING. 

Anders sind die Graffiti in Warteräumen, auf den Bahnsteigen oder in den Toiletten geartet. Liegen Stationen im Bereich von Schulen, so findet man dort sehr viele altersspezifische Aussagen, meist zum Thema Liebe, aber auch zu aktuellen Stars aus der Film- und Musikszene. Geht man von gruppenspezifischen Graffiti aus, so sind z.B. Touristengraffiti v.a. an jenen bekannten Sehenswürdigkeiten zu finden, die in den Reiseführern erwähnt werden, Graffiti von Fußballfans in der Nähe der großen Stadien. Auch hier, wie überall im Bereich Graffiti, determiniert die architektonische Möglichkeit die Anzahl der Hinterlassenschaften. Finden kann man Graffiti sowohl im Münchner Hofbräuhaus (dort in die klobigen Holztische geritzt), an der Siegessäule in Berlin, im Aufgang des Völkerschlacht-Denkmals in Leipzig, in den Türmen des Wiener Stephansdomes und in der Kuppel des Petersdoms, ... 

Eine spezielle Untergruppe - die Wallfahrer - hinterlässt ihre Bitten oft in den bekannten Kirchen, z.B. in Mariazell, Lourdes, Santiago de Compostella oder an Wänden im Vatikan. Will man diese Botschaften dokumentieren, muss man bedenken, dass dazwischen - meist in der toten Saison - Übermalungen stattfinden, denen die Graffiti zum Opfer fallen, und dass es dann oft längere Zeit dauern kann, bis wieder Inschriften vorhanden ist. 

Andere klassische Orte der Graffitiproduktion sind öffentliche Parks, wo jede erdenkliche Fläche zum Träger einer Inschrift werden kann - Bänke, Tische, Mistkübel (Mülleimer), Bäume... Hier findet man auch oft die formal sehr reduzierten Baumritzungen, ein Graffitimotiv, das über Franz Schubert Einzug ins klassische Liedgut hielt. 

Sonderorte sehr spezieller Graffitiproduktion können auch Prostituiertenstandplätze sein, wo manchmal mangels anderer Kommunikationsmöglichkeit Nachrichten von Verehrern zu finden sind. 

Bei meinen Forschungen begegneten mir Graffiti bis ins unterirdische Wien, wo Kanäle gelegentlich Zufluchtsort von Obdachlosen sind. Sorgfältige Untersuchungen solcher schwer zugänglicher Orte erfordern einen großen Arbeitsaufwand und die Ergebnisse sind oft nur von begrenztem wissenschaftlichem Interesse und dienen eher der Dokumentation. 

Leichter zugänglich sind z.B. Bauhütten. In dieser reinen Männerkultur der Bauarbeiter trifft man oft Graffiti mit stark sexueller Komponente an, ebenso in öffentliche Toiletten, die manchmal als eine Art "schwarzes Brett" für sexuelle Anliegen fungieren. Zu letzterem gibt es einige Untersuchungen im Rahmen des Archivs. Die Studie über "Häufigkeiten, thematische Inhalte und geschlechtsspezifische Kommunikationsmuster" wurde aus methodischen Gründen an Graffiti aus Universitätstoiletten durchgeführt. In Toiletten gibt es, neben den schon erwähnten Themen, auch sehr viele ortsspezifische Sprüche (z.B.: "In fünf Minuten wird geschissen, wer länger scheißt wird rausgeschmissen", oder "Das ist der Ort an dem man scheißt, was man am Tag zuvor gespeist. Zum Glück, dass wir nicht speisen müssen, was wir am Tag zuvor geschissen"). Die Tradition solcher Sprüche ist alt, manche davon sind gleichlautend überall im deutschen Sprachraum zu finden, ebenso ist das Eindringen von Sprüchen aus dem angloamerikanischen Raum zu beobachten.

 

Graffitientfernung, Gebäudereinigung, Graffiti-Versicherungen

Angebot einer Wiener Firma - Graffitientfernung - dokumentiert im Jahre 2001

War die Graffitibeseitigung im öffentlichen Raum bis vor kurzem noch Aufgabe von konventionellen Reinigungstrupps der Stadtverwaltungen, drängten mit der explosionsartigen Verbreitung der Sprayer-Kultur immer häufiger spezialisierte Unternehmen auf den Markt. Heute ist Gebäudereinigung ein florierendes Gewerbe, in das enorme finanzielle Mittel fließen und wo modernstes technisches know how zum Einsatz kommt. Dieses reicht von Anti-Graffiti-Beschichtungen über Sandstrahlgebläse bis hin zum Einsatz von Laserkanonen, mit denen unerwünschte Sprayschichten "wegradiert" werden können. Bei Recherchen in München im Jahre 1997 begegnete Frau Schaefer-Wiery und mir in einer Zeitungsnotiz erstmals die Mitteilung, dass es ein Unternehmen gibt, das Hausbesitzern "Graffiti-Versicherungen" anbietet. Heute ist dies eine Selbstverständlichkeit - hier ein Überblick über die Angebote.

Der ganz große Gewinner an der Writer/Sprayer-Bewegung ist und bleibt die Farbenindustrie, die spezielle Spraydosen mit deklariertem "Graffiti-Lack" anbietet und gleichzeitig Mittel zu dessen Übermalung, Beseitigung oder Verhinderung produziert.

Auch diverse andere Geschäftemacher treten unter dem Begriff Graffiti in Erscheinung und versuchen ihre Produkte einer uninformierten Öffentlichkeit schmackhaft zu machen. Als Beispiel eine "graffiti-galerie.de", deren Konzept darin besteht, Wandmalereien anzubieten, die angeblich als Schutz vor Graffiti dienen sollten.

 

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