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Teil 2: Das Wiener Modell der Graffiti-Forschung, Grundlagen der Graffitiforschung, Kollegen und Ansätze, Die Fundorte, Graffitientfernung |
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Das Wiener Modell der Graffiti-ForschungDie Graffiti-Forschung, wie sie hier in Wien entwickelt wurde, führt Erhebungen und Auswertungen mit einem Maximum an Empirie und Methodik durch und orientiert sich in erster Linie an tatsächlich auffindbaren Basismaterialien, weniger an theoretisierenden Literatur-Konvoluten. Dazu war es nötig, die Dokumentationstechniken, allen voran die fotografische Erfassung, zu professionalisieren. Die inhaltsanalytische Klassifikation ist inzwischen bei einem 23 Variablen umfassenden "multivariablen Klassifikationssystem" angelangt (siehe Grafik):
Das heißt, dass jedes Graffito auf möglichst vielen Ebenen oder Variablen klassifiziert wird, um so der Vielschichtigkeit und Komplexität dieser Kommunikationsform gerecht zu werden und ein Maximum an Information zugänglich zu machen. Die Archivierung traditionellen Bildmaterials, die rein materiell bedingt immer nur monovariabel erfolgen kann, nimmt in erster Linie auf die thematische Aussage (Variable 15) Rücksicht. Eine wirklich praktikable Erfüllung des multivariablen Systems ist nur über Computertechnologie möglich, indem jedes Item eingescannt, multivariabel codiert und dadurch vielfach abrufbar wird. Arbeiten dazu finden im Rahmen der Instituts- und Archivarbeit statt. Neben der europaweiten Dokumentation von Graffiti entstanden drei große Arbeiten mit festumrissenen Fragestellungen. Die genauen Ergebnisse sind jeweils in eigenständigen Publikationen festgehalten, ich beschränke mich daher hier auf eine kurze Beschreibung und einen weiterführenden Link:
1. Klograffiti mit Blick auf geschlechtstypisches
Kommunikationsverhalten und Inhalte. Dabei stand zuerst die
fundortspezifische Erhebung im Vordergrund, bei der ein Maximum an
Homogenität angestrebt wurde, um die klassischen Methoden der
Inferenzstatistik anwenden zu können. Insgesamt wurden in die
Untersuchung 2.183 Items einbezogen. Internet: http://www.graffitieuropa.org/klograffiti.htm
2. die Studie "Kulturphänomen Graffiti. Ein internationaler Vergleich" im Auftrag des österreichischen Wissenschaftsministeriums. Dabei wurden, bei einem Maximum an Heterogenität, die Graffiti dreier Erhebungszonen (Wien, Berlin-Ost und Berlin-West), in einer qualitativen Analyse nach thematischen Unterschieden untersucht. Insgesamt wurden 9.000 Items einbezogen. Eine vereinfachte Fassung der Studie wurde 2001 als Graffiti-Enzyklopädie veröffentlicht und ist im Buchhandel erhältlich: http://www.buchhandel.de/ Literaturhinweis: Internet: http://www.graffitieuropa.org/enzyklopaedie.htm
3. die themenspezifische Untersuchung "Rechtsextreme
Parolen und Zeichen. Graffiti als Medium interkultureller Kommunikation".
Literaturhinweis:
Grundlagen der Graffitiforschung, FeldforschungGrundsätzlich ist die Feldforschung Grundlage einer empirischen,
induktiven Graffitiforschung und es wäre wünschenswert, wenn alle
Veröffentlichungen über Graffiti auf dieser Basis beruhen würden.
Dadurch würden der Fachwelt viele überflüssige, theoretisierende
"Betrachtungen" zu Graffiti erspart und die wenigen
überbleibenden, würden an Validität der Aussage gewinnen. Nach den Dokumentationen, muss später mit gleicher Sorgfalt die Archivierung, Aufarbeitung und Analyse durchgeführt werden, für die heute klare Regeln vorgegeben sind.
Kollegen und Ansätze, die wichtigsten NamenGraffiti-Forschung war in der Anfangszeit meiner Arbeit (1970er-Jahre) eine sehr einsam betriebene Wissenschaft, für die nicht allzu viel Verständnis in der Öffentlichkeit zu finden war. Der erste Kollege im eigentlichen Sinne, den ich etwa 1980 kennen lernte, war der Sexualwissenschaftler Ernest Borneman, der mich sehr ermutigte und durch den sich im Laufe der Zeit einige weitere Bekanntschaften entwickelten. So unterschiedlich wie die Personen, sind auch die Forschungs-Ansätze, die verfolgt werden: Bornemans Graffiti-Forschung war stark von seiner eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit geprägt, er nutzte Graffiti zur Verifizierung seiner Theorien über das kindliche Sexualleben, und es gibt dazu einige bemerkenswerte Publikationen von ihm. Axel Thiel - Graffiti-Archiv Kassel: Axel Thiel begann etwa um die selbe Zeit wie ich
(1970er-Jahre) mit seinen Forschungen. Es gab jahrzehntelang lebhaften
Austausch im Zuge der
Methodische Differenzen führten dazu, dass sich Thiel Mitte der 1990er-Jahre von der empirischen Graffiti-Forschung abspaltete. Er verlagerte seine Aktivitäten immer mehr ins Internet und in den englischsprachigen Raum. Leider war es ihm nicht vergönnt, mit seiner Arbeit die angestrebte akademische Anerkennung zu erlangen - Thiel verstarb 2006 viel zu früh im Alter von nur 61 Jahren. Was aus dem brauchbaren Literatur-Bestand in Kassel wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Im Internet sind noch Teile seiner Arbeit zu finden. Eine objektive Beurteilung Thiels ist am ehesten beim Studium der rd. dreißigbändigen "EINFÜHRUNG IN DIE GRAFITTI-FORSCHUNG", erschienen im AXEL THIEL VERLAG, möglich. Das Berliner Graffiti-Archiv:Eine Kollegin, über die ich erstmals in einem Artikel im SPIEGEL erfuhr, und mit der ich 1994 und 1995 viele Forschungsreisen durch Berlin unternahm, ist Frau Mensah-Schramm. Sie geht ursprünglich von einem negativen Graffiti-Begriff aus, indem sie sich primär auf neofaschistische und fremdenfeindliche "Schmierereien" konzentriert, diese dokumentiert und anschließend vernichtet. Ihre Arbeit steht dabei v.a. im Zeichen eines von großem Mut und Engagement geprägten Politaktivismus, indem sie über diese Kommunikationselemente versucht, die Bevölkerung auf drohende (neofaschistische) Gefahren aufmerksam zu machen (bei über 200 Ausstellungen). Ihre mutige Initiative wurde 2005 mit dem Erich Kästner Preis gewürdigt. Inzwischen erweiterte sie ihren Graffiti-Begriff ganz entscheidend und das ifg verdankt dem Berliner Graffiti-Archiv sehr schöne Bildbeiträge und eine seit 1994 durchgehende Pressedokumentation, die bereits Basis einer wissenschaftlichen Arbeit in der Universität Wien war. Das Frankfurter Graffiti-Archiv: Um etwa 2000 herum rührte sich ein junger Mann aus Frankfurt namens Saul Len bei uns und begann damit, laufend Dokumentationsmaterial zu senden. Langsam kam so eines der wichtigsten Graffiti-Zentren Deutschlands zum Vorschein und Saul Len ist heute, neben Frau Mensah-Schramm, mein engster Mitarbeiter an der Graffiti-Enzyklopädie online - http://www.graffitieuropa.org/frankfurt.htm .
Die Fundorte, mobil und stationärDie Frage, wo man Graffiti findet, könnte man am besten mit "überall" beantworten. Hier eine kleine Fundorttypologie: Grundsätzlich kann man dabei in
stationäre und mobile Flächen unterteilen, die im inside- oder
outside-Bereich liegen. Einige davon möchte ich kurz erwähnen:
Anders sind die Graffiti in Warteräumen, auf den Bahnsteigen oder in den Toiletten geartet. Liegen Stationen im Bereich von Schulen, so findet man dort sehr viele altersspezifische Aussagen, meist zum Thema Liebe, aber auch zu aktuellen Stars aus der Film- und Musikszene. Geht man von gruppenspezifischen Graffiti aus, so sind z.B. Touristengraffiti v.a. an jenen bekannten Sehenswürdigkeiten zu finden, die in den Reiseführern erwähnt werden, Graffiti von Fußballfans in der Nähe der großen Stadien. Auch hier, wie überall im Bereich Graffiti, determiniert die architektonische Möglichkeit die Anzahl der Hinterlassenschaften. Finden kann man Graffiti sowohl im Münchner Hofbräuhaus (dort in die klobigen Holztische geritzt), an der Siegessäule in Berlin, im Aufgang des Völkerschlacht-Denkmals in Leipzig, in den Türmen des Wiener Stephansdomes und in der Kuppel des Petersdoms, ... Eine spezielle Untergruppe - die Wallfahrer - hinterlässt ihre Bitten oft in den bekannten Kirchen, z.B. in Mariazell, Lourdes, Santiago de Compostella oder an Wänden im Vatikan. Will man diese Botschaften dokumentieren, muss man bedenken, dass dazwischen - meist in der toten Saison - Übermalungen stattfinden, denen die Graffiti zum Opfer fallen, und dass es dann oft längere Zeit dauern kann, bis wieder Inschriften vorhanden ist.
Sonderorte sehr spezieller Graffitiproduktion können auch Prostituiertenstandplätze sein, wo manchmal mangels anderer Kommunikationsmöglichkeit Nachrichten von Verehrern zu finden sind. Bei meinen Forschungen begegneten mir Graffiti bis ins unterirdische Wien, wo Kanäle gelegentlich Zufluchtsort von Obdachlosen sind. Sorgfältige Untersuchungen solcher schwer zugänglicher Orte erfordern einen großen Arbeitsaufwand und die Ergebnisse sind oft nur von begrenztem wissenschaftlichem Interesse und dienen eher der Dokumentation. Leichter zugänglich sind z.B. Bauhütten. In dieser reinen Männerkultur der Bauarbeiter trifft man oft Graffiti mit stark sexueller Komponente an, ebenso in öffentliche Toiletten, die manchmal als eine Art "schwarzes Brett" für sexuelle Anliegen fungieren. Zu letzterem gibt es einige Untersuchungen im Rahmen des Archivs. Die Studie über "Häufigkeiten, thematische Inhalte und geschlechtsspezifische Kommunikationsmuster" wurde aus methodischen Gründen an Graffiti aus Universitätstoiletten durchgeführt. In Toiletten gibt es, neben den schon erwähnten Themen, auch sehr viele ortsspezifische Sprüche (z.B.: "In fünf Minuten wird geschissen, wer länger scheißt wird rausgeschmissen", oder "Das ist der Ort an dem man scheißt, was man am Tag zuvor gespeist. Zum Glück, dass wir nicht speisen müssen, was wir am Tag zuvor geschissen"). Die Tradition solcher Sprüche ist alt, manche davon sind gleichlautend überall im deutschen Sprachraum zu finden, ebenso ist das Eindringen von Sprüchen aus dem angloamerikanischen Raum zu beobachten.
Graffitientfernung, Gebäudereinigung, Graffiti-Versicherungen
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