Die Themenkreise

Der grundlegende Aufbau des Wiener Graffiti-Archivs geht von vier Großbereichen
(siehe Grafik links) aus:
GeschlechterbeziehungenPolitik
Künstlerische ProduktionenDiverses
Weitergehend findet eine Sub-Kategorisierung statt, die heute bei 22
thematischen Bereichen angelangt ist, und die je nach Verfeinerung der
Kategorisierung und der jeweiligen Fragestellung weiter differenzierbar sind. Da es unmöglich ist, im
Rahmen eines Referates alle Bereiche zu besprechen, beschränke ich mich
im Folgenden auf einige ausgewählte Themen.
Politik
Grundlegend kann man sagen, dass Graffiti in der Mehrzahl jene
Ideologien transportieren, die an den polaren Ende eines gedachten
politischen Kontinuums stehen und in den Parlamenten nicht repräsentiert
sind. Auf der einen Seite ist dies der Bereich
"Rechtsextremismus", am gegenüberliegenden Ende die Bereiche
"Anarchismus" und "Linksextremismus".
Stellungnahmen zu Politik sind generell überwiegend oppositionell
und stehen in krassem Widerspruch zu den Hochglanzbroschüren werbender
Parteien.
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Gehäuft findet man Graffiti in Wahlkampfzeiten, als
Interventionen auf Wahlplakaten.
Besonders beliebtes Ziel sind dabei
Politiker und Parteien, die extremere politische Positionen vertreten, in
Österreich etwa die FPÖ und ihr ehemaliger Vorsitzender Jörg Haider, in
Deutschland die Republikaner oder der ehemalige Innensenator von Hamburg,
Schill.
In zweiter Linie sind es dann die momentan
regierenden Parteien, denen v.a. die Schuld an diversen Missständen
zugeschoben wird und die scharfer Kritik ausgesetzt sind. Die Plakate der
jeweiligen Opposition bleiben meist eher verschont - Ausnahme war
der Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (Bundestagswahl 2002) - auf den äußerst
heftig reagiert wurde - siehe Abbildung links. Auch das Thema EU
gehört insgesamt zu jenen Themen auf welche in Graffiti heftig
negativ reagiert wird und es gab selten so viele Graffiti, Sticker,
Kleinplakate wie bei der Volksabstimmung zum österreichischen
EU-Beitritt im Jahre 1995.
Inzwischen gibt es rd. 3.000 archivierte Fotos
von Graffiti auf Wahlplakaten in Deutschland und Österreich, einen
Überblick dazu finden sie auf: http://graffitieuropa.org/wahlplakate.htm
Graffiti sind seit jeher ein Mittel politischer Propaganda,
besonders dann, wenn die dahinter stehende Parole oder Idee nicht von
finanzkräftigen Parteien unterstützt wird oder verboten ist. Ein
historisches Beispiel aus Österreich stellen etwa die NS-Propaganda, aber
auch die Agitation linker Gruppen aus der Zwischenkriegszeit dar. Wie mir
von einem Innsbrucker Kollegen schriftlich mitgeteilt wurde, bildet die
Hafelekarwand seit langem eine Art "schwarzes Brett" für
politische Anliegen. In der Zwischenkriegszeit wurde darauf von
NS-Bergsteigern ein riesiges Propaganda-Hakenkreuz aufgemalt, das bis etwa 1945
sichtbar blieb. Aus neuerer Zeit sind dort Inschriften bzw.
Lichtinterventionen (Reisighaufen) bekannt, mit denen für die Autonomie
Südtirols bzw. gegen den EU-Beitritt Österreichs agitiert wurde.
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Austrofaschismus, Nationalsozialismus und Wiederstand:
| Eine andere gigantische Graffiti-Aktion erfolgte in der Nacht vor dem
Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich im April 1938: Anhänger des
Ständestaates und der Schuschnigg-Regierung bemalten damals - als
friedliche Widerstandsleistung - Statuen, Wände, Strassen und Gehsteige
mit riesigen Parolen und (Kruckenkreuz-) Symbolen. Die Bilder, die man
heute von Gehsteigwaschenden Juden sehen kann, stehen in direktem
Zusammenhang mit dieser Aktion, da diese Gruppe von den neuen Machthabern,
oft unter dem Beifall der Wiener Bevölkerung, zur Beseitigung dieser
Widerstandsparolen gezwungen wurden. Ungefragt - auf fremden Flächen -
erfolgten bald darauf die Markierungen jüdischer Geschäfte durch
Nationalsozialisten und gegen Ende des Krieges sind offizielle
Durchhalteparolen bekannt. Daneben agierte in Wien eine Widerstandsgruppe
mit dem Geheimkürzel für Österreich (05). Zwei dieser ehemaligen
Graffiti kann man heute konserviert neben dem Eingang von Wiener Kirchen
finden, und sie sind seltene Beispiele dafür, dass Graffiti auch unter
Denkmalschutz stehen können. Eine Renaissance erlebte das 05 im
Zusammenhang mit dem Protest gegen die ÖVP/FPÖ-Koalitionsregierung
Ende der 1990er-Jahre.
Link: http://www.graffitieuropa.org/news/087.htm |

Die Parole und das Symbol des österreichischen
Ständestaates in einem Klograffito aus Wien (1991). Reste des
"echten" Graffitos des Jahre 1938 sind ebenfalls noch an
einigen Stellen in Wien zu finden. |
Sowjetische Graffiti, Graffiti von Angehörigen
der Roten Armee
| Bei ihrem Vormarsch in Ost- und
Mitteleuropa im Jahre 1945 hinterließen Angehörigen der Roten Armee
vielerorts ihre Namen, meist mit Datierung. Weiters wurden durchsuchte Gebäude mittels
Aufschrift an der Außenwand als "geprüft" und somit als gefahrlos
gekennzeichnet.
Die deutsche Bundesregierung
entschloss sich, die Graffiti, die im Reichstagsgebäude in Berlin
gefunden wurden, unter Denkmalschutz zu stellen und als Mahnung an
zukünftige Generationen zugänglich zu machen. |

Sowjetisches Graffito aus Brünn, Tschechien |
Anti-AKW-Bewegung, Farbbeutel:
Freistadt, OÖ, 2002 |
Zur Zeit der AKW-Diskussion in Österreich (Ende der
siebziger Jahre, Zwentendorf) wurde die Ablehnung vielfältig über Graffiti und die
bekannten Anti-AKW-Kleber zum Ausdruck gebracht, bevor sich etablierte
Parteien und somit die konventionellen Medien des Themas annahmen. Auch
heute sind - neben Flugblatt und Transparenten - Graffiti und Sticker immer noch
Kommunikationsmittel von finanzschwachen Bürgerinitiativen und
Organisationen.
Der bekannteste Protest-Sticker der letzten
Jahrzehnte ist die Anti-AKW-Sonne - im Bild links eine aktualisierte
Version anlässlich des Protestes gegen das grenznahe tschechische AKW
Temelin im Jahre 2002.
Die einfachste Form des Widerstandes und der Ablehnung ist die bekannte
Technik des Farbbeutelwerfen, die sich v.a. in den 60er Jahren in
Studentenkreisen großer Beliebtheit erfreute und auch heute noch z.B. von
feministischen Gruppierungen verwendet wird. Eine Kommerzialisierung
erlebte diese Technik vor einigen Jahren, als käufliche Farbkleckse auf
Transparentfolie auf den Markt kamen, die man auf das eigene Auto kleben
konnte. Selbst die Technik des Plakatabrisses, bei der recht interessante,
collageartige Effekte entstehen können, wenn verschiedene Plakate
übereinander geklebt sind, fand Eingang ins Repertoire von Grafikern und
bildenden Künstlern.
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Einschub: Werbung und Graffiti
| Die offizielle Werbung steht in engem Austausch und
gegenseitiger Beeinflussung mit Graffiti und bezieht gerne und oft
Graffiti-Motive in
die Gestaltung ein. Nicht nur der bunte Style und die Charakters der american graffiti werden dabei imitiert, sondern überhaupt oft das Motiv
des "an-die-Wand-Schreibens". Ein konkretes Beispiel aus dem
Jahre 1995 ist ein Plakat mit der Imitation eines Baumgraffitos, mit dem
der offizielle Verkaufstermin für WINDOWS 95 bekannt gegeben wurde.
Umgekehrt findet man aber auch viele Graffiti-Interaktionen im "outside-Bereich"
auf Werbeplakaten, im inside-Bereich viele Parodien und Abwandlungen von
Werbesprüchen ("Coca Cola vor dem Tanz, hebt die Stimmung und den
Sch....", oder "ein Spritzer ins Becken und die Hausfrau
glänzt", oder "Willst du Schwangerschaft verhüten, nimm
Melitta-Filtertüten"). |

Imitation des Writer-Styles
in einem Werbeplakat, Berlin 1995 |
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